Überall Angst und Panik

02/07/2010
By sams

Angst vor Kernkraft, Furcht vor der Ansteck­ung mit Aids, das prophezeite bedrohliche Wald­ster­ben, die Angst vor dem Y2K-Bang, die Panik vor SARS, Vogel­grippe und nun die Schweine­grippe, die Panik vor dem Ter­ror­is­mus, die Angst vor sozialer Vere­len­dung und und und. Ist das ver­fallen in Panik und gesellschaftliche Angstzustände eventuell ein Kennze­ichen der Mod­erne? Die taz aus dem Okto­ber 2005 hatte einen inter­es­san­ten Artikel zu dem Thema und den will ich hier mal als Fund­stueck posten.

Kul­tur der Panik (taz, Okto­ber 2005)

Das Untier kann jed­erzeit auf­tauchen, und wo es auf­taucht, hin­ter­läßt es Ver­wüs­tung. Aber auch, wo es nicht auf­taucht, zieht es eine Spur der Ver­heerung durch die See­len. Weil es überall sein kann, ist die Gefahr auch überall. Genau bese­hen ist das Schreck­liche an ihm, dass es sich nicht um ein Mon­strum han­delt, nicht um Godzilla oder King Kong, die schon von der Ferne auszu­machen wären. Nein: In jedem Huhn, in jeder Ente steckt eine poten­tielle Bestie.

Die Vogel­grippe geht um. Vom Virus, das da übertra­gen wird, ist die gesellschaftliche Patholo­gie, die es mit überträgt, kaum mehr zu unter­schei­den. Welchen Stel­len­wert hat die reale Gefahr, und welchen die Kul­tur der Angst? Wer mag das schon genau zu sagen.

Atom­krieg, Wald­ster­ben, Aids, Super-GAU, Y2K-Bang, SARS und nun die Vogel­grippe — die eigentliche Epi­demie, die die mod­er­nen Gesellschaften gepackt hat, ist die Kul­tur der Panik. Eine ganze Gen­er­a­tion wurde vor zwei Jahrzehn­ten poli­tisiert, weil sie der Überzeu­gung war, es sei eher wahrschein­lich als unwahrschein­lich, dass die Men­schheit inner­halb der näheren Zukunft aus­gelöscht werde. Woch­enend­sem­inare waren dem Ster­ben der Wälder gewid­met, und dass diese im Som­mer bisweilen inmit­ten blühen­der, fet­ter Lich­tun­gen stat­tfan­den, umgeben von prächti­gen Laub­bäu­men, fiel den Beteiligten nicht ein­mal als son­der­lich auf. Und der Sex ist seit Mitte der achtziger Jahre überschat­tet von der tödlichen Gefahr, die mit ihm einhergeht.

Die Bedrohlichkeit der all­ge­gen­wär­ti­gen Bedro­hung stieg mit deren Abstrak­tion und erre­ichte ihren Höhep­unkt mit der selt­samen Seuche SARS. Ihr zum Opfer zu fallen bedurfte keiner beson­deren Aktiv­ität von irgend­je­man­den, und so war auch keine Aktiv­ität mehr denkbar, die Gefahr zu ban­nen. War es in den achtziger Jahren eine Zeit lang Mode, sich im Vor­garten einen Atom­bunker zu bauen und ihn mit unverderblichen Essensvor­räten zu füllen, war das Kon­dom im Porte­mon­naie zum gen­er­a­tionstyp­is­chen Acces­soir gewor­den, so half gegen SARS nichts mehr. Mögen auch ein paar Mil­lio­nen Chi­ne­sen mit Mund­schutz herum gelaufen sein, so war dies doch nur eine hil­flose Reak­tion auf den erschreck­enden Umstand, dass schon das Atmen eine tödliche Bedro­hung war, die Gefahr in dem Medium lag, das uns alle umgab. Da half auch keine Form der Absti­nenz mehr — schützte gegen Aids noch sex­uelle Enthalt­samkeit, so ist das Ein­stellen der Atmung lei­der auch keine Lösung, weil ebenso tödlich.

Dage­gen ist die Vogel­grippe nun tat­säch­lich eine erfreuliche Epi­demie — wer nicht pro­fes­sionell mit ihm zu tun hat, kann vor dem Fed­ervieh ja die Flucht ergreifen.

Es fügt sich tre­f­flich, dass in diesen Tagen, da die Infek­tion über Ural und Kauka­sus in unsere Nähe flat­tert, der britis­che Sozi­ologe Frank Furedi sein Buch “Pol­i­tics of Fear” veröf­fentlichte. Ohne die Gefahren zu leug­nen analysiert er, wie sich der Umgang mit ihnen in den ver­gan­genen Jahrhun­derten und Jahrtausenden verän­derte. Und heute, das kann man seine Schlüs­selthese nen­nen, hat die Angst “ihr Ver­hält­nis zur Erfahrung ver­loren”. Mussten auch frühere Geschlechter einen Umgang mit der Emo­tion der Angst finden, so war diese doch immer eine Reak­tion auf Gefahren, die sich in ihrem Blick­feld befan­den. Allen­falls reagierten sie auf reale Gefahren mit Angstab­strak­tion, indem sie einen strafenden Gott imag­inierten, dessen Wal­ten in etwa so unerk­lär­lich war wie heute das von Viren oder Hüh­n­ern. Bemerkenswert, dies nur neben­bei, ist in diesem Kon­text die Volte des Chris­ten­tums, das ger­ade darauf mit dem bekan­nten Imper­a­tiv reagierte: “Fürchtet Euch nicht.”

Wie auch immer, Angst war ein emo­tionaler Mech­a­nis­mus, sich gegenüber realen Gefahren zu ori­en­tieren, so Furedi. Heute dage­gen “scheinen wir uns ger­adezu vor allem zu fürchten”. Die Furcht selbst pro­duziert bisweilen die Gefahren: Wir fürchten um unseren Gesund­heit­szu­s­tand — und das macht uns krank. Krim­i­nal­ität­spoli­tik ist ganz wesentlich damit beschäftigt, das Gefühl der Bedro­hung zu bear­beiten, das bekan­ntlich in keinem Ver­hält­nis zur realen Krim­i­nal­ität steht. Die mod­erne Angst also ist eher eine Anleitung zur Des­ori­en­tierung als zur Orientierung.

Sowohl die Folge wie die Ursache dessen (man kann das wirk­lich nur mehr schwer auseinan­der­hal­ten) ist der Auf­stieg der Angst-Industrie. Medien, Poli­tik, Ver­sicherung­sun­ternehmen, Phar­main­dus­trie, Ökogrup­pen, sie alle existieren inner­halb dieses Kom­plexes der Angst — und leben damit auch von ihm. Es wäre natür­lich ein vul­gär­ma­te­ri­al­is­tis­cher, ver­schwörungs­the­o­retis­cher Unsinn zu sagen, sie seien seine Ursache. Sie sind sowohl Ver­stärker dieses Prozesses wie auch das Ange­bot, welches sich die gestiegene Nach­frage schafft und oft ist die Angst nur die unin­tendierte Folge des Ver­suches, Gefahren aus der Welt zu schaf­fen. Diese Spur läßt sich noch an den wohlmeinend­sten Insti­tu­tio­nen aus­machen, etwa in der Gesund­heitsvor­sorge: Die machte uns solange klar, dass wir uns um die Früherken­nung tödlicher Krankheiten beküm­mern müssen, bis wir began­nen, täglich in uns hinein zu hören, ob nicht die tödliche Bombe längst in uns tickt. Als Folge davon laufen Heer­scharen zum Arzt, was wiederum die Gesund­heitssys­teme in Gefahr bringt — und, angesichts unfi­nanzier­barer Kassen­sys­teme, sich als Zukun­ft­sangst wieder in den all­ge­meinen Kreis­lauf der Angst einspeist.

Fast schon eine Pointe: Wir leben in einer Mod­erne der umfassenden Risikobear­beitung — die man den­noch nicht “Sicher­heits­ge­sellschaft” nennt, son­dern, mit einem Sozi­olo­gen­wort, das Furore machte, als “Risiko­ge­sellschaft” beschreibt.

Es gibt Gefahren, klar. Eine Pan­demie, eine Muta­tion des Vogel­grippe­virus, so dass er von Men­schen zu Men­schen übertrag­bar würde, ist eine real­is­tis­che Möglichkeit. Alte und durch Krankheiten geschädigte Men­schen kön­nten im Extrem­fall massen­haft dahinger­afft wer­den — das schafft aber auch eine extra­ordinäre Hitzewelle, wie die vor drei Jahren. Die Pointe der Angstkul­tur ist aber: Wir fürchten uns schon vor der Pan­demie, bevor sie grassiert. Wir fürchten uns vor allem, was möglicher­weise grassieren kön­nte. Und diese ver­all­ge­mein­erte Panik, diese Angstkul­tur, die sich in die Gesellschaft hinein frißt, ist eben nicht Resul­tat erfahrener Risiken, son­dern wird vom alarmistisch-medialen Kom­plex pro­duziert. Aufmerk­samkeit ist das knappe Gut, um das Phar­main­dus­trie, Medien, Poli­tik, Umweltschützer und Ver­sicherung­wirtschaft auf gle­iche Weise konkur­ri­eren. In all diesen Konkur­ren­zfeldern wer­den diejeni­gen die Nase vor ihren Mit­be­wer­bern haben, die deut­lich zu machen ver­ste­hen, dass ihre Sache am Dringlich­sten ist. Und dies schafft man am besten mit Panikmache.

So entsteht eine Kul­tur der Angst, die ger­adezu Ängste zweiter Ord­nung pro­duziert — die Angst vor der Angst.

Eines scheint aber klar und ein­deutig zu sein: Mit soviel Angst kann man kaum überleben und führt den eigentlich sin­nvollen und schützen­den Aspekt der Angst in das Absurde.

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2 Responses to Überall Angst und Panik

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