Liebes Radio Vatikan,

Ein kleiner Gedankenfetzen zu den Diskussionen und öffentlichen Auseinandersetzungen um Missbrauchsvorwürfe und die katholische Kirche. Wie geschrieben Gedankenfetzen und daher vor allem persönlich.

Jeden Tag wird erneut in den Medien von verschiedensten Personen und/oder Institutionen aus Politik und Öffentlichkeit das Thema sexueller Übergriffe auf Minderjährige thematisiert. Einigkeit herrscht in nahezu allen Aussagen darüber, dass es sich bei dieser Form der sexualisierten Gewalt um eine der schlimmsten Formen des Verbrechens gegen junge (aber auch ältere) Menschen handelt.


Insbesondere die Institution der katholischen Kirche wird dabei kritisiert. Ihre Deutungshoheit in Fragen der Moral massiv öffentlich in Frage gestellt. Auch wenn die katholische Kirche in großen Teilen der öffentlichen Wahrnehmung einen Schwerpunkt der Diskussion einnimmt, möchte ich hier an dieser Stelle anmerken, dass selbstverständlich nicht nur die katholische Kirche Teil des diskutierten Problems ist. Alleine auf Telepolis.de findet man, wenn man nach dem Begriff sexueller Missbrauch suchen lässt, 6 Treffer aus dem Monat März zu diesem Themenfeld. Weit mehr lassen sich finden, wenn man die Suche auf alle Medien im Internet ausweitet.

Aber was eigentlich zu diesem kurzen Gedankenfetzen geführt hat, sind die Einlassungen katholischer Würdenträger auf die an sie gerichteten Vorwürfe. Dabei frage ich mich, ob diese katholischen Würdenträger nun von Ignoranz, Bösartigkeit oder einfach nur geistiger Verwirrung dominiert werden. So verkündete der Sprecher des Vatikans, Federico Lombardi: “In den vergangenen Tagen hätten einige `mit einer gewissen Verbissenheit´ Anhaltspunkte gesucht, um den Papst persönlich in Missbrauchsfälle zu verwickeln.”. Doch kein wirkliches Wort der Anteilnahme über die von der sexualisierten Gewalt betroffenen Menschen in dieser Stellungnahme von Federico Lombardi, denn es gibt wichtigeres um das sich der Vatikan zu sorgen hat: Den Schutz des heiligen Vaters vor übler Nachrede und Misskredit! Hallo Vatikan? Ob jemandem in Rom aufgefallen ist, dass es in Wahrheit nicht um die Frage geht, ob Herr Ratzinger beteiligt war an Fehlentscheidungen oder auch nicht, sondern darum dass die Institution der Kirche über einen sehr langen Zeitraum hinweg den Täterschutz vor den Opferschutz gestellt hat? Anders lassen sich diese Vorfälle innerhalb der Institution Kirche doch gar nicht erklären und auch nicht die Regelmäßigkeit mit der Täter an verschiedensten Stellen erneut auf verantwortliche Positionen kamen. Oder hat der Vatikan auch hierzu eine Verschwörungstheorie nach der selbstverständlich nicht die Institutionen der katholischen Kirche an diesen unglaublichen Vorgängen beteiligt gewesen sein kann?

Es ist mir egal ob nun Herr Ratzinger, Herr Xyz oder Jesus persönlich Entscheidungen getroffen und damit Verhaltensweisen im Umgang mit diesen erbärmlichen Tätern möglich gemacht hat oder nicht. Entscheidend ist in meinen Augen, dass die Institution namens katholische Kirche es prinzipiell zugelassen hat, dass solche Verhaltensweisen über Jahrzehnte (wenn nicht sogar noch länger) hinweg zur gängigen Praxis haben werden können. Täter werden versetzt, Täter werden geschützt, Täter werden intern gerügt – dann doch wieder an anderer Stelle eingesetzt und das immer und immer wieder. In solch einem Fall nicht davon zu sprechen, dass es sich um ein System immanentes Versagen bzw. Vorgehen gehandelt habe, ist doch der pure Hohn! Wie sonst liesse es sich erklären, dass es weltweite Vorfälle dieser Art gibt und es überall Jahrelang Vertretern kirchlicher Institutionen gelungen ist diese zu vertuschen? Genau das sollte der Vatikan und seine allzu irdischen Vertreter einmal offen thematisieren! Diese Vertreter sollten sich einmal überlegen, ob ein System das auf absolutem Gehorsam gegenüber seinem Oberen basiert nicht das eigentliche Problem ist!

Dabei geht es nicht um das Zölibat das die Kirchenvertreter so gerne schützen wollen und das sie von mir aus auch behalten können, wenn es ihnen soviel bedeutet.

Es geht hier um die Frage wie ein zutiefst Antidemokratisches System, dass es konsequent ablehnt die Öffentlichkeit Einblick in die inneren Strukturen und Abläufe nehmen zu lassen, in demokratischen Gesellschaften garantieren will, dass es in Zukunft in vergleichbaren Fällen mit staatlichen Organen kooperieren und somit Täter wirklich zur Rechenschaft ziehen wird? Wer soll der katholischen Kirche Vertrauen schenken, wenn doch zur selben Zeit die katholische Kirche den Menschen nicht soviel Vertrauen schenken kann, dass sie ihre Abläufe transparent gestaltet?

Nur am Rande ist bisher von mir die Frage nach dem Umgang mit den “Opfern” thematisiert worden, die zumindest in Teilen mindestens an totale Respektlosigkeit bis totale Abwesenheit von Mitgefühl erinnern lässt. Beispielhaft stehen da die Aussagen von Bischof Mixa der irgendwie die Schuld in der 68er-Bewegung verortet, weil im Zuge dieser Bewegung eine größere sexuelle Öffnung in der Gesellschaft stattgefunden habe. Doch war es nie Inhalt der 68er Bewegung den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu legetimieren lieber Herr Bischhof und schon gar nicht war es Inhalt oder erklärtes Ziel die Täter zu schützen. Wo der gute Herr Mixa dort die Zusammenhänge sieht ist wahrscheinlich nicht nur mir Schleierhaft.

Und auch die Versuche nun schnellstmöglich Missbrauchsfälle im Umfeld anderer Institutionen oder Religionsgemeinschaften aufzutun, kann nicht wirklich ernst gemeint sein, denn niemand hat behauptet die katholische Kirche besitze ein Monopol auf solche Täter. Die Versuche an anderer Stelle nun vergleichbares zu finden, wirken auf mich eher kläglich und zeigen in ihrer Form, dass innerhalb der katholischen Kurie immer noch nicht das wahre Problem in seiner Dringlichkeit verstanden worden ist. Veröffentlichungen wie die Meldung von Radio Vatican, dass die islamkritische Soziologin Necla Kelek mit zahlreichen Fällen sexuellen Missbrauchs auch im Umfeld islamischer Einrichtungen rechnen würde, beweisen rein gar nichts ausser das es Fälle sexuellen Missbrauchs eben überall und in jeder Gemeinschaft gibt. Genau dies aber wussten alle Menschen schon zuvor. Entscheidend ist wie mit diesen Vorfällen umgegangen wird. Genau dieser Umgang ist und bleibt aktuell insbesondere ein Problem der katholischen Kirche und alles was die Kirche aktuell unternimmt erscheint so wie als wolle sie nur die aktuellen Krisenherde eindämmen und dann weitermachen wie bisher.

Ich finde den gesamten Auftritt der Kurie einfach nur peinlich, unangebracht und ihren Gläubigen gegenüber unverantwortlich. Geradezu in Teilen Ekel erregend. Die katholische Kirche sollte nicht vergessen, dass sie nicht nur ihren Mitarbeitern, sondern insbesondere auch ihren Anhängern/Gläubigen gegenüber eine immense Verantwortung trägt.

Teil dieser Verantwortung ist eben auch 1) die lückenlose Aufklärung der Vorfälle, 2) die Übernahme von Verantwortung für Fehlentscheidungen/Fehlverhalten und 3) in der Zukunft mit allen möglichen Maßnahmen die Wiederholung solcher Totalausfälle zu verhindern! Doch bleibt die Frage wie eine abgeschlossene, antidemokratische und auf absoluten Gehorsam bauende Organisation dies glaubhaft in Zukunft möglich machen bzw. umsetzen will? Wie will die Organisation katholische Kirche gewährleisten das in Zukunft nicht mehr vertuscht und verschleiert wird was vorgefallen ist? Ein Katalog mit Handlungsanweisungen hat keinen Wert, solange es niemanden gibt der Neutral dessen Einhaltung prüft. Denn immerhin gab es schon zuvor innerhalb der Kirche Regeln, die ausdrücklich jede Form von sexuellen Übergriffen auf z.B. Schutzbefohlene verboten hatte. Doch Regeln auf geduldigem Papier sind noch lange keine reellen Regeln in der Praxis. Wer soll also glaubhaft die Einhaltung solcher Regeln und Vorschriften innerhalb der katholischen Kirche prüfen?

Eine Antwort auf diese Fragen wäre doch wirklich interessant und ein mediales Highlight liebes Radio Vatikan, oder?

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